Moritz Ballerstädt

Moritz Ballerstädt

London (England) – Die Seattle Seahawks gegen die Denver Broncos. Wenn das Wetter – und danach sieht es aus – mitspielt, streiten diese beiden Mannschaften am 2. Februar um die Krone im American Football. Es ist vor allem das Duell der Quarterbacks: Der gealterte Superstar Peyton Manning (37) auf Seiten der Broncos, der es noch einmal wissen und zum zweiten Mal nach 2007 (damals mit den Indianapolis Colts) den Super Bowl holen will. Auf der anderen Seite der 25-jährige Russell Wilson, der erst sein zweites Profi-Jahr spielt.

Die Amerikaner lieben das, zeichnen Geschichten über alte und neue Helden, wünschen sich insgeheim, dass Manning noch einmal zeigt, warum er seit mehr als 15 Jahren zu den Besten gehörte. Auf der anderen Seite wollen die sportverrückten Amis aber auch das Neue; unverbrauchte Gesichter müssen her – “A New Star Is Born”. Wenn dieser noch aus dem Nichts käme, es wäre umso besser. Doch die altbekannte Geschichte vom Tellerwäsche, der es zum Millionär gebracht hat, ist im US-Sport schon lange vorbei. Manning ist zweifelsfrei ein Superstar, doch er wird nie eine Legende werden. Gleiches gilt für sein Gegenüber Wilson.

Schon in jungen Jahren werden die Nachwuchsspieler dazu gedrängt, sich eine Sportart auszusuchen, in der sie dann später potentiell Bestleistungen bringen können. Das Ziel dahinter: Eine der begehrten Scholarships an einer der angesehenen Hochschulen des Landes ergattern. Früher waren es die amerikanischen Paradedisziplinen Baseball, Football und Eishockey, mittlerweile ist auch Fußball dazu gekommen und steht ebenfalls hoch im Kurs – die Amerikaner haben gemerkt, dass damit Geld zu verdienen ist.

Das Geschäft mit dem Talent ist lohnend. Denn mit den sportlichen Höchstleistungen für das jeweilige College-Team kommen dann auch die Gebührenbefreiungen. Im einem Land, in dem ein vierjähriger Bachelor-Abschluss 130.000 US-Dollar und mehr kosten kann, ist eine Übernahme der Hälfte der Gebühren durch die Hochschule für viele Nachwuchssportler ein regelrechter Segen.

Doch schon hier wird deutlich: Ein Studium in den USA ist keine Sache für jedermann. Denn auch 60.000 US-Dollar lassen sich nicht ohne Weiteres sparen. Auch Kreditüberlegungen wollen wohl überlegt sein. Was ist, wenn der Junior doch nicht gut genug ist, oder ihm eine Verletzung die Aussicht auf eine Sportkarriere zunichte macht? Dann bliebe immer noch der Abschluss, das ist aber ebenfalls kein Garantieschein für ein Leben ins Saus und Braus.

Was die Amerikaner bei den Überlegungen über Talent und Geld nicht auf dem Schirm zu haben scheinen, das sind die Geschichten, die bei all der Professionalität und dem verbissenen Streben nach Höchstleistungen niemals geschrieben oder erzählt werden. Peyton Manning studierte und spielte für die University of Tennessee, Wilson für die University of Wisconsin. Doch war das schon immer so? In den Archiven der “Los Angeles Times” finden sich alte Zahlen – sie sind von 1986 -, die besagen, dass sechs aus zehn späteren NFL-Spielern ihren Abschluss am College aufgrund des Sportes nicht gemachtbhaben.

Doch 41 Prozent haben eben einen. Viel interessanter allerdings: Mehr als 90 Prozent der Sportler waren auf einer Hochschule. Die Zahlen gleichen sich in den Statistik der wichtigen US-Sportarten. Babe Ruth, der 1948 gestorbene Baseball-Spieler (erst für die Boston Red Sox, dann für die New York Yankees) besuchte keine Universität. Er soll ohnehin nicht oft in der Schule gewesen sein. Lieber verbrachte er die Tage auf der Straße in seiner Heimatstadt Baltimore und spielte Baseball. Noch heute strahlt sein Name im amerikanischen Baseball heller als jene all jener, die nach ihm folgen sollten und folgen werden.

Amerikas Sport ist nicht tot, nein, er lebt mehr denn je, doch so langsam gehen ihm die Geschichten aus. Einen Schub gab es noch einmal zu Anbeginn der 1990er Jahre. Damals fiel der Ostblock in sich zusammen. Und obschon der gemeine Amerikaner nicht viel vom Sozialismus und Abstand zu allem hält, was auch nur im Entferntesten danach riecht (siehe die unzulänglichen Sozialismus-Vergleiche mit Obamacare), hatten die Amerikaner ein großes Herz für die vielen harten Eishockey-Spieler aus Russland und Tschechien.

 

Jaromir Jagr (New Jersey Devils) ist mittlerweile 41 Jahre alt, nicht mehr so schnell wie Sydney Crosby. Doch heute ist er eine Legende im amerikanischen Eishockey. Er spielte noch zwei Jahre hinter dem Eisernen Vorhang für seinen Heimatklub Poldi Kladno, ging dann direkt 1990 zu den Pittsburgh Penguins, sprach kein Wort Englisch, als er in Pennsylvania Coors Light gegen Staropramen eintauschte und den sonderbaren Vokuhila gleich mitbrachte, den sie in seiner Heimat Kladno trugen und in Amerika nicht verstanden. Jagr blieb elf Jahre, wurde zum Superstar und eben zur einer Legende. Die Frisur trägt er heute genau so – auch wenn die Geheimratsecken größer geworden sind.

Gut, dann gibt es da noch Ausnahme-Sportler Michael Jordan. Er kam von der University of North Carolina im Jahr 1984 zu den Chicago Bulls, wurde zum Star und zur Legende. Doch die Geschichte, die sich daran anknüpft, ist die, dass Jordan nach dem Tod seines Vaters auf dem Höhepunkt im Jahr 1993 seiner Basketball-Karriere zurück trat und sich im Baseball bei den Birmingham Barons, dem Farmteam der Chicago White Sox, versuchte. Baseball war die eigentliche Passion des Vaters. Jordan scheiterte grandios, wurde zur Lachnummer. 1995 kehrte er zu den Bulls zurück und gewann noch einmal alles, was es im amerikanischen Profi-Basketball zu gewinnen gibt. Nach dem Baseball-Fiasko kam Air Jordan, der Mann der zu den Körben zu fliegen schien, als Underdog zurück in die NBA. Kritiker sagten, er sei zu alt, zu lange raus. Der Underdog belehrte sie eines besseren.

Wer in den USA mit Profi-Sport Geld verdienen will, der beginnt am besten schon früh damit, sich ausreichend fördern zu lassen. Doch wer zur Legende im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden will, der hat besser eine anderen Plan in der Tasche.

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